Rollenspiel


Noch etwas Gutes hatte das alte Regime: Wenn man im Tal der Ahnungslosen aufwächst, bietet das Leben später viel mehr Überraschungen!
Zynismus.
Als Vera zum ersten Mal von den Rollenspielen hörte, die eine Reihe ihrer Mitschüler an den kommenden Nachmittagen plante, hatte sie keinen Schimmer, was die darunter verstanden. Vera dachte, Rollenspiele würden in diesen Psychogruppen gemacht, als Therapie oder so. Und sie hatte, bevor er sie und ihre Mutter verlassen hatte, ihren Vater frustriert berichten gehört, daß auf seinen Schulungen von Handelsvertretern ebenfalls Rollenspiele an der Tagesordnung seien. Sie hatte eine vage Vorstellung gehabt, daß sie das zum Streßabbau machen würden. Außerdem, aber das war etwas, das sie mit niemandem diskutiert hätte, besaß der Begriff für sie eine gewisse sexuelle Note.
Vermutlich merkte sie deshalb auf, als sich die Jungs in der anderen Bankreihe darüber unterhielten. Was dachten die sich eigentlich, ihre Schweinereien in aller Öffentlichkeit zu planen?
»Was für Rollenspiele wollt ihr denn so machen?« fragte sie in einem Anflug plötzlichen Übermutes ganz direkt. Aber den Jungs schien das überhaupt nicht peinlich zu sein. Ihre Annahme war wohl doch nicht ganz richtig gewesen, dachte sie stirnrunzelnd, ohne zu ahnen, wie sie die Jungs damit einschüchterte.
»Ach«, sagte der Junge mit dem blöden Namen Börge schulterzuckend, »wir haben bis jetzt bloß ›AD&D‹ da. Karsten sollte eigentlich ›Sturmbringer‹ zum Geburtstag bekommen, aber dann war es seinen Eltern wohl zu teuer. Aber ›AD&D‹ ist cool. Spielst du auch?«
Vera blinzelte verwirrt. Was?
»Nein, bis jetzt nicht. Aber ich interessiere mich dafür«, sagte sie. Was tat sie da? Sie hatte doch nicht die leiseste Ahnung, was...
»Cool. Komm doch morgen einfach mit in den alten Klub. Vielleicht gefällt es dir.« Börge wurde aus irgendeinem Grund knallrot im Gesicht. Veras Mißtrauen kehrte zurück. Aber sie wollte jetzt auch keinen Rückzieher machen.
»Ok, und wann?«
»Um 16.00 Uhr treffen wir uns. Bring was zum Schreiben mit.«
Was zum Schreiben? Das klang nicht gerade nach Sexspielchen. Sie atmete auf.
»Ist klar«, sagte sie ins Klingelzeichen der nächsten Stunde hinein und fragte sich, auf was sie sich da einließ.

* * *

Börge war der Meinung, daß seine Eltern wahrscheinlich einmal zu oft »Die Olsenbande« gesehen hatten. Oder vielleicht war es der unerfüllbare Wunsch einer Reise nach Dänemark gewesen, der sie dazu gebracht hatte, ihn so zu nennen. Ihm war es egal, denn er mußte mit diesem idiotischen Namen herumlaufen. Es machte ihn schon beim ersten Aufruf zum Außenseiter. Konnte er nicht Jens oder Uwe oder Mike heißen? Nun ja, es gab Lehrer, die sogar über den Namen Mike stolperten und ihn so aussprachen, wie man ihn schrieb. Natürlich absichtlich, denn so dämlich konnte nicht einmal ein Lehrer wirklich sein.
In seiner ganzen bisherigen Schulzeit hatte nur einer von ihnen gefragt, ob sich der Name nicht vielleicht wie im Dänischen Børge schriebe. Und er hatte antworten müssen, »Nein, mit ö.« Die Klasse hatte gelacht, als sei es komisch, einen Namen mit ö zu haben. Idioten allesamt!
Auch nach der Wende waren seine Eltern nicht ins Heimatland von Egon Olsen und Konsorten gefahren, sondern schnell arbeitslos geworden. Aber zumindest eröffneten sich einem zurückgezogenen Schüler wie Börge nun ganz neue Horizonte. Er stürzte sich auf Fantasy-Literatur und Comics, und er entdeckte Rollenspiele.
Es war nicht so, daß er in seiner Klasse ein absoluter Einzelgänger gewesen wäre, Börge gelang es, auch seinen Freundeskreis für sein neues Interesse zu begeistern. Das war schließlich die Grundvoraussetzung, denn Rollenspiele waren Gruppenspiele.
Als der in der Fantasy-Materie Belesenste wurde er fast automatisch zum Spielleiter. Aber Börge, der Dungeon Master? Nein, das ging natürlich nicht. Er nannte sich nun Noxis, der Zauberer. Zugegeben, kein besonders schöner Name, doch Zauberer mußten wohl solche furchteinflößenden, kratzigen Namen haben. »Der Herr der Ringe« und Gandalf kamen für ihn später dran, da hatte sich Börge schon festgelegt.
Die meisten Dinge, welche ein Junge in Börges Alter unternahm, dienten so einfachen Zwecken wie Aufmerksamkeit zu erregen und die Anerkennung der Gruppenmitglieder zu bekommen.
Die Gruppendynamik einer beliebigen Ansammlung von Teenagern ähnelt verblüffend der einer, sagen wir einer Affenhorde. Es geht um die soziale Hackordnung und nur um diese. Wer ist das Alpha-Männchen? Alles andere ist zweitrangig und resultiert aus dieser Ordnung. Alpha-Männchen erobern sich ihre Position und müssen sie ständig verteidigen; nicht so glückliche Mitglieder suchen sich ihre eigene Nische weiter unten auf dem Baum. Das alles ist natürlich ziemlich sinnlos, da Teenager weder um Nahrung noch um Weibchen kämpfen müssen, aber es funktioniert eben rein instinktiv. Das Erbe der Affenhorde. Nicht mal Psychologen reden darüber gern und offen. Vielleicht, weil sie nicht so recht wissen, wo auf dem Baum ihr Platz wäre?
Freilich, einmal davon abgesehen, daß die Frage der Fortpflanzung noch keine wirkliche Rolle spielte – da sorgten schon die uralten sozialen und moralischen Schranken dafür – ging es selbstverständlich dennoch um die Mädchen. Der Mensch ist weit mehr von Instinkten geleitet, als er zuzugeben bereit ist.
Leider interessierten sich Mädchen schon aus Prinzip für andere Dinge als die paar Jungs in der Gruppe der Rollenspieler. Da man mit ihnen weder über die neuesten Ereignisse in der täglichen Fernsehserie, noch über die Mitglieder der gerade aktuellen Boygroup reden konnte, und sie außerdem auch keine muskulösen Sportskanonen waren, mit denen man in den Club gehen und vor den Freundinnen angeben konnte, wurden Börge und seine Kumpels schlicht ignoriert.
Es war daher eine Art Schock für ihn, als Vera sie ansprach. Nur so konnte er sich erklären, daß er sie in einem Anfall geistiger Umnachtung eingeladen hatte.
Vera Steinfurth – niemand kam auf die Idee, über diesen Namen zu lachen! – galt als ein wenig seltsam, genau wie ihre Freundin Annie, oder hieß sie Anne? Börge wußte es nicht. Sogar die Lehrer nannten das schwarzhaarige, bleiche Mädchen nur Annie. Vera und sie schlossen sich keiner der oberflächlichen Mädchencliquen an, sondern blieben für sich. Manche Mädchen lästerten, die beiden seien lesbisch, aber sie brauchten nur Annies dunklem Blick zu begegnen, um kleinlaut abzuziehen. An ihr war so etwas ... Gefährliches.
Wenn Börge sich mehr, oder sagen wir, etwas cleverer um das andere Geschlecht in seiner Klasse gekümmert hätte, wäre ihm vielleicht sogar aufgefallen, daß die beiden Freundinnen die Neigungen und Freizeitaktivitäten ihrer Mitschülerinnen nur mitleidig belächelten. Obwohl sich Vera Steinfurth nicht so offensichtlich gruftig kleidete wie Annie, galt auch ihr Interesse okkulten und geheimen Dingen. Aber das wußte der Junge nicht. Für ihn kam die Verabredung zum Rollenspielnachmittag als völlige Überraschung.
Keine noch so clevere Beobachtung der Mädchen hätte Börge verraten können, daß nicht Annie die Gefährlichere der beiden seltsamen Freundinnen war.

* * *

Vera lief nur deshalb nicht im Grufti-Look herum, weil ihre Mutter dann einen Anfall bekommen hätte. Aber es war ihr mehr oder weniger egal – obwohl es Momente gab, wo sie ihre Freundin um deren finsteres, ja geradezu hexisches Aussehen beneidete. Doch es war nicht das Aussehen, welches eine Hexe machte, sondern ihr okkultes Wissen. Und dieses nahm bei ihr und Annie ständig zu, seit sich Vera das Buch ihres Onkels geborgt hatte.
Nun ja, eigentlich hatte sie es geklaut, aber sie war irgendwie davon überzeugt, daß Onkel Phil nichts dagegen gehabt hätte. Warum hatte sie ihn dann nicht einfach gefragt? Nun war es zu spät, und zurückgeben konnte sie das Buch auch nicht. Denn ihr Onkel war auf rätselhafte Weise verschwunden. Es beunruhigte sie nicht sonderlich. Er hatte das schon früher getan, und nachdem sie sein Buch las, war sie beinahe davon überzeugt, daß er ein Zauberer sein mußte. Ein echter Zauberer, nicht so ein Varietékünstler.
Hätte der Mathematiklehrer vorn an der Tafel hören können, was Vera dachte, statt seinem Unterricht zu folgen, dann wäre sie vermutlich beim Psychiater gelandet. Welches normale Kind in ihrem Alter glaubte denn noch an Zauberer?
Annie tat es zum Beispiel. Das war für Vera eine große Beruhigung, vor allem nach dem, was sie in der Nacht erlebt hatte, unmittelbar nach ihrem Besuch der Bodenkammer ihres Onkels. Das alptraumhafte Geschehen, der unheimliche Schwarze Reiter, hatten sich am Morgen als real herausgestellt. Nicht sofort, nein, nicht mit der Nüchternheit einer eindeutigen Aussage (der Unterricht mit seinem Definitionswahn drängte sich in ihre Gedanken), sondern Stück für Stück schleichend. Die tote und wieder lebende Katze, das Buch, dessen Schrift plötzlich für sie lesbar wurde, ihre ersten vorsichtigen Experimente... Vorsichtig, ja, denn sie wußten, womit sie hier spielten.
Vera Steinfurth und Annie Smolinski glaubten fest an die Existenz realer Magie, weil sie Hexen waren. Richtige Hexen.

* * *

»Du hast was gemacht?« Karsten starrte Börge entgeistert an. »Ein Mädchen in unsere Spielrunde eingeladen?«
»So ist es!« sagte Börge scharf. »Hast du ein Problem damit?«
Er fühlte sich in der Defensive, obwohl es eigentlich keinen Grund dafür gab. Schließlich konnte jeder jemanden einladen, wenn er nur wollte. Sogar hübsche Mädchen. Deshalb kehrte er ein wenig den Spielleiter heraus.
»Nein, Noxis«, sagte Karsten, und Börge wußte nicht, ob er ihn verarschte. »Kennt sie sich denn überhaupt aus?«
»Anscheinend nicht. Sie sagte, sie interessiert sich für Rollenspiele.«
»Na toll!« beschwerte sich Karsten. »Dann können wir ihr erst mal alles haarklein erklären und ihren Charakter erschaffen und am Ende kapiert sie nichts und du schiebst mit ihr ab.«
Etwas in der Art hatte sich Börge auch vorgestellt. Insgeheim.
Ulf, der auch wegen seiner Figur immer die Orks spielte, grunzte rollenadäquat. »Na und? Du bist nur neidisch, oller Ritter. Laß sie doch zugucken oder mitmachen, wenn sie will.«
»Als was?« fragte Karsten.
»Keine Ahnung. Improvisieren wir sie einfach in die Story hinein. Als Elfe oder Kriegerin oder Hexe, was weiß ich ... Sie kann ja schlecht einen Ritter oder sowas machen.«
»Da kommt sie! Sie kommt tatsächlich!« Börge war nicht sicher, was er fühlte. Erleichterung, weil Vera zu ihrer Verabredung kam? Vera, die auf ihn immer so ... erwachsen wirkte? Aber was war das schon für ein Date? Oder wurde er einfach nervös?
Vera trug noch ihre Schulklamotten, also löchrige Jeans und T-Shirt. Aber im Unterschied zur Schule ohne was drunter, wie Börge sofort registrierte. Er schluckte. Sie schleppte auch dieselbe häßliche Tasche mit – wegen des Schreibzeugs, dachte Börge. Aber warum schien sie dann so schwer zu sein?
Vera trat an ihren Tisch im ehemaligen Jugendklub des Viertels und musterte die drei Jungs mit hochgezogenen Brauen.
»Hi«, sagte Börge ein wenig lahm.
»Wo?« fragte Vera todernst und tat, als würde sie sich erschrocken umsehen.
Während die Jungs mehr oder weniger pflichtschuldig lachten, dachte Börge: ›Sie kann richtig spielen, wenn sie will.‹
»Also dann erklärt mir mal, wie es geht. Nein, nicht das.« Ulf, der sich auf unerklärliche Weise von ihren kühlen Augen bei einem Gedanken ertappt fühlte, den er vor ihr nie laut geäußert hätte, prallte sichtlich zurück. »Kann ich mitspielen oder darf ich nur zuschauen?« Sie ließ sich auf einen der freien Stühle fallen und sah demonstrativ erwartungsvoll in ihre Runde.
Börge war nun mal der Spielleiter, also fiel ihm der Part des Erklärens zu. Er beschrieb in groben Zügen, wie es funktionierte, von der Charaktererschaffung bis hin zu selbsterdachten Abenteuern – oder Kampagnen, wie der Fachmann sagte. Die arkane Bedeutung von zwölf- und mehrseitigen »Würfeln«, Landkarten und warum sie vor allem einen Notizblock brauchen würde.
Seine beiden Kameraden halfen ihm gelegentlich mit eigenen Ergänzungen aus, aber in der Hauptsache ließen sie ihn reden. Er begriff nicht wirklich, daß es ihr echter Respekt vor seinem Wissen war, der sie sich zurückhalten ließ. Über so etwas redete man nicht unter Jungs. Es war da oder nicht. Und es war ein komisches Gefühl, die Sache einem Neuling, einer Außenstehenden zu erklären. Obwohl er sich in der Materie bestens auskannte, schien es Börge plötzlich, daß er unverständlich und verworren redetet. War das Ganze außerdem nicht albern und völlig absurd? Was würde Vera wohl davon halten, daß sie sich mindestens einmal pro Woche hinsetzten und vorgaben, in einer Fantasy-Welt zu leben? Vera, die so unheimlich Erwachsene!
»Mal sehen, ob ich es richtig verstanden habe«, sagte Vera. »Jeder hat einen Charakter oder eine Figur mit soundsoviel Lebenspunkten, Kampfstärke und Talent. Wir stellen uns vor, daß wir uns auf einer Fantasy-Welt befinden und eine Mission haben.«
Börge war ihr geradezu absurd dankbar, daß sie nicht so etwas gesagt hatte wie: »Wir bilden uns ein ...«

* * *

»Dabei begegnen uns dann laufend Typen, gegen die wir kämpfen müssen«, fuhr sie ein wenig pedantisch fort. Die Ernsthaftigkeit dieser Jungs reizte sie, aber sie wollte ja hier sein, sie wollte es ja versuchen! »Hauptsächlich geht es also ums Kämpfen.«
Börge, Karsten und Ulf nickten.
»Kein Wunder, daß es ein Spiel für Jungs ist! Was für eine Figur soll ich überhaupt darstellen?«
»Vielleicht eine Elfe, eine Hexe oder eine Kriegerin«, schlug Börge vor.
Sie runzelte die Stirn. Eine Kriegerin – vielleicht noch im Kettenhemd-BH? Könnte denen so passen! Dann fiel ihr ein, was sie getan hatte, bevor sie zu diesem Date ging. ›Oh-oh!‹ dachte sie. ›Großer Fehler!‹ Sie spürte mit einem Kribbeln am ganzen Körper, daß ihr jetzt sogar ein Kettenhemd-BH gerade recht gekommen wäre. Besonders so einer.
»Ich bin eine Hexe«, sagte sie entschieden. Niemand am Tisch begriff die Betonung.
»OK. Warum nicht. Da machen wir nachher als erstes deine Charaktererschaffung. Du mußt deine Anfangsfähigkeiten festlegen.«
»Ich kann mich auch weiter entwickeln?« fragte Vera. Das war ja wie im wirklichen Leben.
»Natürlich. Sogar Orks können das ... in einem engen Rahmen«, grinste Ulf der Ork.
»Und was ist eigentlich diese Mission?«
»Die Rettung der Welt ...«, intonierte Börge feierlich.
»... des Universums ...«, fiel Karsten ein.
»... und von dem ganzen Rest!« schloß Ulf.
»Habe ich gelesen«, stellte Vera trocken fest.
Was zu einer längeren Diskussion darüber führte, wie sie »Per Anhalter ...« gefunden hätte, quasi als Alien, als Mädchen eben.
Sie gab ihre Ansichten zum Besten, denn sie fand die Bücher wirklich gut, aber sie war nicht bei der Sache. ›Die Rettung der Welt?‹ dachte sie. ›Wer würde die schon retten wollen?‹ Nicht nur einmal hatte sich Vera vorgestellt, die Welt würde zerstört werden, oder vielmehr die menschliche Gesellschaft, wie sie gegenwärtig existierte. Die Welt konnte ja nichts dafür, wie übel die Menschheit sich benahm. Es schien von Tag zu Tag schlimmer zu werden, und das gewiß nicht erst seit dem Zusammenbruch. Das war nur einer der vorübergehenden Höhepunkte gewesen. Eines der Highlights auf dem Weg in den Abgrund. Das soziale Elend im Land wuchs, die Korruptheit und Verlogenheit der Politiker noch schneller. Ohne mit der Wimper zu zucken, strichen die jeweils gerade Herrschenden alles zusammen, was von ungefähr hundert Jahren Entwicklung auf diesem Gebiet noch übrig war. Schon schickten sie die Armee, die es nach dem letzten Krieg eigentlich nie wieder hätte geben sollen, zu »Befriedungseinsätzen« ins Ausland. Die inländischen Proteste erstickten. Natürlich, weil die armen Schweine dort sich nicht selbst aus der Patsche helfen konnten. Daß sie das nur deshalb nicht konnten, weil der reiche und ach so zivilisierte Westen sie daran hinderte, wurde nicht erwähnt. Wer würde es auch gewagt haben? Das Land entwickelte sich schneller zu einem Polizeistaat, als jemand »1984« hätte lesen können.
Veras Sozialkunde-Lehrerin wäre sehr überrascht gewesen, was sich das stille Mädchen so für Gedanken machte. Vielleicht wäre sie sogar erschrocken. Im Unterricht äußerte sie sich natürlich nicht dazu, denn sie wußte von Onkel Phil, daß die Lehrer Akten über ihre Schüler anlegten. Einer der Entschlüsse, die sie gefaßt hatte, als es soweit gewesen war, sich zu entschließen, bezog sich auf ihre Schule. Doch noch war es nicht soweit, ihn zu verwirklichen.
›Wer sollte diese beschissene Welt retten wollen?‹ dachte Vera. ›Vielleicht stehe ich auf der falschen Seite des Spiels, des Großen Spiels? Ich würde die Welt viel lieber vernichten.‹
Es machte ihr keine Angst mehr, daß sie diesen Gedanken, auf einer noch nicht ganz vertrauten Ebene des Denkens gedacht, hundertprozentig ernst meinte. Und sie hatte so eine Ahnung, daß ihr das Buch genau sagen konnte, wie sie dabei zu Werke gehen mußte.

* * *

Die Charaktererschaffung war so ziemlich das Langweiligste an dem ganzen Spiel, da nichts dabei passierte, doch glücklicherweise war es nur für Veras Hexe notwendig und hatten die Jungs ausreichend Erfahrung, um sie schnell durch das langwierige Gewürfle zu bringen. Sie wollten mit diesem Mädchen spielen, jawohl, obwohl sie noch nicht genau wußten, was das für ein Spiel war, auf das sie sich einließen.
Da sie sich nicht sofort an die Stirn getippt hatte und gegangen war, stuften die drei Jungs Vera provisorisch als vielversprechend ein. Und sie hatte »Per Anhalter ...« gelesen! Damit gehörte sie schon fast dazu.
Als sie festlegten, was für Fähigkeiten die Hexe Veras haben sollte, lachte sie ein paar Mal auf. Börge wußte nicht so recht, was er davon halten sollte – was war daran so lustig, was eine Hexe in dem Spiel konnte und nicht konnte? Vera klang beinahe so, als habe sie ganz andere Vorstellungen von der Hexerei.
›Steckt sie eigentlich auch in dieser okkulten Grufti- und Satanistenszene drin wie anscheinend ihre Freundin?‹ dachte er plötzlich. Normalerweise gab es zwischen Rollenspielern und dieser Szene kaum Berührungen, da die einen die anderen für durchgeknallte Spinner hielten. Er selbst fand Annie mehr als nur ein wenig seltsam. Wenn Vera auf der selben Schiene fuhr, dann zeigte sie es wenigstens nicht offen.
Börge ertappte sich dabei, daß er sich fragte, ob er wirklich mit einem Mädchen gehen wollte, das so ... so abgefahren war? Er wußte keine Antwort.
Vera fragte schließlich, ob es nicht so sei, daß sich Rollenspieler verkleiden und mit Schwertern aufeinander losgehen würden. Börge stöhnte beinahe vor Scham. Wer war hier eigentlich der Abgefahrene?
»Nein, nein, das machen wir nicht«, beeilte sich Karsten zu versichern. »Was du meinst, sind Live-Rollenspieler. Die gibt es auch, wenn sie sich nicht inzwischen gegenseitig mit Schwertern aufgespießt haben, aber die arbeiten ganz anders.«
›Arbeiten!‹ dachte Börge. ›Um Himmels willen!‹
»Außerdem ist ein richtiges Schwert viel zu teuer«, murrte Ulf. »Da legst du gleich mal hundert, zweihundert Mark hin.« Die Jungs wußten, daß Ulf davon träumte, ein Schwert zu besitzen. Oder eine Streitkeule oder Axt ... Er war nicht ohne Grund der Ork.
»Also gut«, sagte Börge schließlich. »Ich glaube, wir können anfangen. Ulf ist der Ork Urgl, Karsten der Goldene Ritter Kalhambra und ich bin der Zauberer Noxis.«
»Noxis ...?« fragte Vera gedehnt, als sie seinen Spielnamen zum ersten Mal hörte.

* * *

Noxis verasfica saún!‹ dachte ihr Hexen-Selbst automatisch den furchtbaren Fluch weiter, der mit seinem Namen anfing. Ihr normales Selbst dachte im ersten Moment einfach nur: ›Ist das ein Zufall? Ist er etwa echt?‹
Aber das konnte nicht sein. Niemand würde so etwas Gräßliches einfach so aussprechen. Oder etwa doch? Sie wandte den Kopf zum Fenster, als das Licht schwächer wurde. Draußen schien die finstere Nacht herein zu brechen oder zumindest ein Unwetter.
›Verdammt!‹ dachte Vera. Sie hatte sich doch nur an den Spruch aus dem Buch erinnert, ohne den Zauber anwenden zu wollen. Wieder einmal zeigte die Magie, daß sie kein Spielzeug für kleine Mädchen war, sondern gefährlich.
»Das heißt Nacht«, sagte sie rasch, weil Börge – Noxis – sie fragend anschaute.
Er zuckte mit den Schultern. »Weiß ich. Klingt aber irgendwie finster, findest du nicht?«
Natürlich tat es das. Was sollte sie mit dem Wetter machen, das sie heraufbeschworen hatte? Vera rückte nervös auf ihrem Stuhl hin und her. Es war natürlich ein alter, ungepolsterter Schulstuhl, und sie hatte heute wirklich schon genug auf den Dingern gesessen. Aber sie wagte nicht, ihn zu verzaubern oder auch nur an den entsprechenden Spruch zu denken. Nicht nach dem Mißgeschick eben.
»Wird das gut gehen?« fragte sie halb ironisch, um ihre Gedanken abzulenken, »ein Zauberer und eine Hexe? Bekämpfen die sich nicht eher?«
»Nicht seit der Konklave«, sagte Börge so überzeugt, als wisse er genau, wovon er sprach.
Eiswasser schien ihren Körper einzuhüllen. Vera bekam für Augenblicke eine Gänsehaut und mußte ein Zittern unterdrücken.
»Wa ... was sagst du da?«
Börge blinzelte. Das Tageslicht reichte kaum noch, um die Landkarte auf dem Tisch zu entziffern.
»Die Konklave hat ... äh ... beschlossen, alle Feindseligkeiten der Magier untereinander einzustellen, bis ... äh ... bis die Krise vorbei ist. Mindestens.«
Die leicht verwirrten Blicke von Karsten und Ulf sagten Vera, daß Börge improvisierte. Anders ausgedrückt, er saugte sich das gerade aus den Fingern. Warum wohl? Wollte er einen Kampf mit ihr vermeiden? Aber sie war doch erst eine Anfängerin! Und warum hatte sie seine Bemerkung über eine Konklave der Magier so schockiert? Plötzlich fragte sich Vera, ob es richtig von ihr war, den Nachmittag mit diesen Jungs zu verbringen, anstatt weiter das Buch zu studieren, um endlich Gewißheit darüber zu erlangen, was eigentlich mit ihr und Annie los war.
Wie kam Börge auf dieses Wort? War es nur ein Zufall, oder war Noxis echt? Denn das Buch ihres Onkels begann auf der ersten Seite mit den Worten: »Das Buch der Magie, geschrieben im Auftrag der Letzten Konklave der Magier«.
Nein! Sie durfte jetzt nicht an das Buch denken. An das Buch der Magie in ihrer Tasche unter dem Tisch.
»Also gut. Kein Kampf. Aber sieh dich vor«, warnte sie ihn scherzhaft. »Ich bin eine mächtige Hexe und mein Name ist Dur ...« Sie verschluckte den Rest. Nein, das war falsch! Nicht dieser Name! »Durandal«, beendete sie nach einem falschen Hustenanfall den Satz.
»Das ist aber ein Rittername«, wandte Karsten sofort ein.
»Dann eben Durandalia!« Sie klang gereizter als sie beabsichtigte. Was war nur los mit ihr? Dieses eiskalte Gefühl wollte nicht vergehen. ›Es ist eine Warnung!‹ fiel ihr plötzlich ein. ›Doch wovor?‹ Sollte sie nicht spielen? Was für ein Unsinn! Wo könnte bei einem Rollenspiel Gefahr lauern? Aber Gefahr war im Anmarsch, das spürte sie mit jeder tiefgekühlten Faser ihres Körpers.
»Laßt uns ...«

* * *

»... endlich anfangen«, sagte Börge ungeduldig. »Falls es nicht zu dunkel dazu ist.« Doch da flammte die eine Leuchtstoffröhre auf, die in dem alten Jugendklub noch funktionierte. Börge wandte sich zunächst nicht um, es war ihm egal, wer den Schalter an der Tür gedrückt hatte.
Karstens Augen weiteten sich jedoch in so offensichtlichem Schrecken, daß er es schließlich doch tat.
Im Eingang standen fünf kahlgeschorene Jugendliche in den üblichen Bomberjacken und Schnürstiefeln. Die Jacken waren naß und auf den Glatzen glänzte der Regen.
»Sieg Heil!« schrie der erste von ihnen mit der entsprechenden Geste und trampelte in den Klub. Die Fascho-Skinheads kamen um diese Zeit sonst nie vorbei, das Unwetter mußte sie von ihren üblichen Herumhäng-Stellen vertrieben haben. Pech für die Rollenspieler.
»Schau an, die Bösen sind eingetroffen!« sagte Vera mit unverhohlenem Spott. Börge starrte sie entsetzt an. »Sind wir nicht auf einer Mission, die Welt vor dem Ungeziefer zu retten?«
Noch ehe einer der Skins etwas darauf erwidern konnte, krachte die Tür hinter ihnen ins Schloß. Irgendwie paßte das dumpfe Dröhnen nicht zu der wackligen Holzkonstruktion, sondern es erinnerte viel mehr an das schwere Eisentor eines Kerkers, eines Dungeons, dachte Börge.
»Was sagst du da, Kleine?« feixte der mit dem Sieg-Heil-Ruf. »Du weißt ja gar nicht, wie böse.«
»Verpißt euch, ihr Wichser!« sagte ein anderer zu den verhinderten Rollenspielern. »Aber die Puppe bleibt hier!«
»Ich glaube, eher nicht«, sagte Vera im Gesprächston und stand auf. Börge suchte verzweifelt nach einer Idee, wie er sie aufhalten könnte. Glaubte sie denn, diese Typen würden ... Er führte den Gedanken nicht zu Ende, denn was nun geschah, löschte alle Gedanken mit sprachlosem Staunen aus.

* * *

Der erste Skin war noch zwei Schritte vom Tisch entfernt, als Vera ihm die gespreizte Hand entgegen stieß. Die Welle hochverdichteter Luft traf ihn mitten in die Brust und schleuderte ihn quer durch den Raum gegen die Wand, wo er verkrümmt und nach Atem ringend, liegen blieb.
Für einige Sekunden schienen alle im Raum völlig erstarrt zu sein, dann kreischte ein anderer Glatzkopf los: »Was hast du mit ihm gemacht, du Sau? Du bist tot! Ich mach dich fertig!«
Vera murmelte einen der Sprüche, die sie erst am Nachmittag gelesen hatte: »Sorkan mednesa tú!« Nichts geschah, was man hätte sehen können, aber der auf sie zu stürzende Skinhead mit dem Butterflymesser blieb abrupt stehen. Er starrte sie mit geradezu hervorquellenden Augen an und begann zu schreien. Der junge Mann brüllte mit überkippender Stimme in namenlosen Entsetzen und wich stolpernd an die Wand zurück.
Die restlichen drei Skins begriffen, daß hier etwas nicht mit rechten Dingen zuging und versuchten, durch die Tür zu entkommen. Aber die war versiegelt.
Vera hatte für einen Moment mit dem Gedanken gespielt, sie alle in eine wirkliche Fantasy-Welt zu versetzen und dort so etwas wie ein Live-Rollenspiel zu machen, doch ihn dann wieder verworfen. Solch ein Zauber war noch zu schwer für sie. In diesem Augenblick wußte sie, daß es derartige Welten wirklich gab, und daß man sie tatsächlich erreichen konnte – aber leider nicht genau, wie das ging.
Ihr war durchaus klar, daß ihr Ärger die Oberhand gewonnen hatte, sich ihre Unsicherheit in dieser ganzen seltsamen Rollenspiel-Situation jetzt entlud. Sie konnte nichts mehr daran ändern.
»Wieviel Lebenspunkte mögen die noch haben?« rätselte sie laut, während sie um den Tisch herum auf die Skinheads zu ging. »Nicht mehr genug, denke ich.«
»Nicht! Wir wollen raus! Bitte!« Es fehlte nicht viel und der Typ sank vor ihr in die Knie.
»Kein Kampf?« spottete sie. »Na schön. Aber nehmt diesen Dreck da mit!« Sie deutete auf die beiden wimmernden und röchelnden Opfer ihres Zorns. »Amnion nox!« murmelte sie. Es ging nicht an, daß die Schläger sich an den Zwischenfall erinnerten. Was ihnen bleiben würde, wäre nur ein intensiver Schrecken in Verbindung mit dem alten Jugendklub. Wahrscheinlich würden sie dem Ort nie wieder nahe kommen.
Kaum hatte sie die Tür angetippt, die sofort aufschwang, zerrten die drei Jugendlichen ihre Kameraden ins Freie und flohen. Das Unwetter draußen hatte sich inzwischen verzogen.
»Ich glaube nicht, daß wir heute noch zum Spielen kommen«, sagte sie nachdenklich. Eigentlich hatte sie auch jede Lust auf das Spiel verloren.
Die drei Jungs standen am Tisch und schauten sie an, als habe sie einen zweiten Kopf bekommen.
»Du bist eine Hexe!« sagte Börge schließlich.
»Ja, Durandalia«, erinnerte sie ihn.
»Nein, ich meine ...«
»Ich weiß, was du meinst. Und leider kann ich euch nicht erlauben, das herum zu erzählen.« Unter den alarmierten Blicken ihrer Klassenkameraden ging sie zum Tisch, nahm ihre Tasche mit dem Buch und winkte ihnen zu. »Ich war nie hier, Freunde. Amnion nox!«

* * *

»Sie kommt nicht«, sagte Börge enttäuscht. Er war nicht sicher, was er fühlte. Erleichterung, weil Vera zu ihrer Verabredung nicht erschienen war und er so allen Problemen aus dem Weg ging? Wahrscheinlich hielt sie ihn sowieso für einen Trottel. Sie wirkte immer so ... erwachsen. Spiele wie ihre waren sicher unter ihrer Würde oder so. Er seufzte. Karsten hatte Recht. Auf diese Weise kam er nicht an Mädchen ran.